Weltwärtskritik – „Zu wissen wie die ticken“

Ein Gastkommentar von Momente

Seit den letzten Jahren macht sich der Trend bemerkbar, dass immer mehr junge Menschen nach der Schule für ein Jahr ins Ausland gehen. Nicht ganz unschuldig ist dabei der neue sogenannte „entwicklungspolitische Freiwilligendienst“: „Weltwärts“.
Mit über 70 Millionen Euro jährlich sollen ab 2008 zehntausende neue Stellen geschaffen werden, die es Schulabsolventen/-innen kostenlos ermöglichen soll ein Jahr im Ausland zu arbeiten.

„Egotrips ins Elend“ und „Wunsch nach dem gestylten Leben“ schallte es aus der Presse zurück. Und das nicht zu Unrecht. Denn im Gegensatz zu ausgebildeten Entwicklungshelfern, fehlt den Freiwilligen jegliches Know-how und Erfahrung um in irgendeiner Weise der einheimischen Bevölkerung helfen zu können.
Wobei es auch fragwürdig ist, die Betreuung einer südafrikanischen Kindergruppe überhaupt als Versuch einer wie auch immer gearteten Entwicklungshilfe zu betrachten.

Jedoch geht diese Kritik größtenteils am Kern vorbei. Auch wenn „weltwärts“ „Entwicklung“ in seinem Namen stehen hat und es vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert wird, ist es, laut offizieller Webseite auch nicht als Entwicklungs- sondern vielmehr als „Lerndienstdienst“ (1) gedacht.
Durch „interkulturellen Austausch in Entwicklungsländern“ soll „gegenseitige Verständigung, Achtung und Toleranz“ gelernt werden.
Und das ist doch auch schon mal was. Aber wer sich jetzt über diese selbstlosen und humanitären Ziele der Bundesregierung freut, sollte sich lieber etwas zurückhalten. Denn genauso wenig wie Entwicklungshilfe besteht die Hauptintention von „weltwärts“ in dem Austausch.
„ICJA – Freiwilligenaustausch weltweit e.V.“ beklagt sich schon seit Jahren über die Verzerrung des Austausches seit der Einführung von weltwärts: Im Jahr 2008/2009 hat die Organisation 271 Freiwillige in das Ausland geschickt, jedoch konnten nur 47 junge Menschen aufgenommen werden. (2) Das lag nicht an mangelndem Willen, sondern daran, dass weltwärts nicht gegenseitigen Austausch, sondern lediglich die einseitige Entsendung von jungen Deutschen in das Ausland fördert. Das darf nicht als unglücklichen Zufall unter den Tisch gekehrt werden, sondern muss genauso wie der Zeitpunkt an dem Weltwärts anlief im gesellschaftlichen Kontext zur Kenntnis genommen und interpretiert werden.

Der seit den frühen 70er Jahren begonnene Strukturwandel von fordistischen über postfordistische Systeme bis hin zum globalen neoliberalen Kapitalismus (was wir meist als „Globalisierung“ in den Medien hören) bedingte einen starken Anstieg an inter- und supranationalen Konzernen. Sogar im Handwerk hat sich die Zahl der international exportierenden Unternehmen in den letzten 15 Jahren verdoppelt, so Hanns-Eberhard Schleyer, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) . (3)
Der Anstieg von global agierenden Unternehmen zieht natürlich auch eine erhöhte Nachfrage nach Arbeitskräften mit internationalen Erfahrungen nach sich. “Will Deutschland Exportweltmeister bleiben, brauchen gerade kleine und mittlere Unternehmen mehr Auszubildende mit Auslandserfahrung”, (4) so Martin Wansleben Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Die Bedeutung des Exports wachse noch – auch für mittelgroße Unternehmen, so Barbara Fabian, Europa-Bildungsexpertin vom DIHK. „Da hilft es einfach zu wissen, wie die anderen ticken.“
Hauptintention von „Weltwärts“ ist also weder Entwicklungshilfe, noch der Wunsch nach einer Welt ohne Rassismus und Xenophobie, sondern dem deutschen und europäischen Arbeitsmarkt mehr Arbeitskräfte mit internationaler Erfahrung zur Verfügung zu stellen, um deren superiore Position gegenüber Schwellen und sogenannten Entwicklungsländern zu festigen.
Oder anders ausgedrückt, um die Paradoxität dieser These noch weiter herauszuarbeiten: Ein Freiwilliger von weltwärts hilft in einem Land der dritten Welt nicht, sondern trägt im Gegenteil indirekt zu seiner wirtschaftlichen Unterdrückung und Ausbeutung bei.

Damit will ich nicht raten, auf einen Weltwärts- Platz zu verzichten. Interkulturelle Erfahrung sind nämlich trotzdem wichtig für gegenseitiges Verständnis, unabhängig von den Bewehgründen der Sponsoren. Vielmehr ist es wichtig, das Weltwärts- Programm im gesellschaftlichen Kontext zu verstehen, zu reflektieren und die mit ihm einhergehende ungleiche Wirtschaftspolitik aktiv in Frage zu stellen. Dazu kann ein Freiwilligendienst auch helfen.

1 weltwaerts.de
2 ICJA – News Ausgabe 34 (Homepage: ICJA)
3 Mittelstandsblog
4 ebenda


4 Antworten auf “Weltwärtskritik – „Zu wissen wie die ticken“”


  1. 1 Bellusci 13. Juni 2010 um 19:59 Uhr

    Liebe Sisana, ich moechte gerne den Artikel zu Weltwaerts auf meinem Blog veroeffentlichen mit ein paar zusaetzlichen (weiterfuehrenden) Kommentaren meinerseits. Hoffe, dass das ok ist?

  2. 2 Ellie 25. Juni 2011 um 6:36 Uhr

    Liebe Sisana,deine Kritik an Weltwärts teile ich zu großen Teilen uneingeschränkt. Ich selbst werde über Weltwärts dieses Jahr nach Kambodscha entsendet. Wäre es für dich okay, wenn ich einen Link auf deinen Blog poste?
    Grüße Ellie

  1. 1 Gastkommentar bei Sisana « Momente – Gesellschaftskritik, Privates & Politisches aus Bolivien Pingback am 14. Juli 2009 um 13:17 Uhr
  2. 2 Weltwärts und die Jungle World « Momente – Gesellschaftskritik, Privates & Politisches aus Bolivien Pingback am 25. September 2009 um 21:01 Uhr
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